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Wie der Wind

Die Musik war zwar im Flur etwas gedämpfter als im Wohnzimmer, aber immer noch laut. Sven störte das jedoch nicht, er wollte sowieso gehen und im Auto würde die Musik eben so laut sein.

Hastig suchte er nach seiner Jacke, die irgendwo unter einem Haufen lag. Er wollte nur weg, alleine sein und sich nicht nur alleine fühlen. Wieso ging er eigentlich immer wieder auf diese Partys, es war doch eh immer dasselbe. Jeder freute sich, ihn zu sehen, redete mit ihm, doch wirklich wissen, wie es ihm ging, was er dachte, das wollte niemand.

Während er Jacke um Jacke in eine andere Ecke schmiss, überlegte er, wieso er überhaupt immer überall eingeladen wurde, doch die Antwort konnte er sich schon selbst geben: Er hatte Geld und sah gut aus, er war schlau, er war sportlich und Kapitän des Fussballteams, er wurde von den Mädchen angehimmelt und von den Jungs für sein Auto bewundert, er war immer gut aufgelegt und hatte immer einen frechen Spruch auf den Lippen, er war…

Endlich fand er seine Jacke, schlüpfte hinein und war auch schon zur Tür hinaus. Mit schnellen Schritten ging er zu seinem Auto, das sein ganzer Stolz war; eine Honda CRX.

Als er einstieg, glitt ein Lächeln über seine Lippen, da ihm dabei die Songtextzeilen eines Liedes einfielen:

„Nim d Schlüssle u stig is Outo ih,

de tuesch chli gueti Musig dri,

lasch aus hinger dir lo si,

schnäu wie dr Wind…“ (*)

Ja, das würde er jetzt tun, einfach alles für einen Moment hinter sich lassen und vergessen.

Sven startete den Motor und fragte sich dabei, ob die anderen schon bemerkt hatten, dass er weg war. Wahrscheinlich dachten sie, er sei mit irgendeiner in einem Zimmer am Knutschen. Aber spätestens wenn er wegfahren würde, würden die auf der Terrasse hören, dass er gegangen war. So einen Ton wie seine Honda hatte nämlich kein anderes Auto sonst in der Stadt.

Darauf war er stolz, überhaupt auf das ganze Auto war er stolz, vor allem weil er wahrscheinlich der Einzige von seinen ‚Freunden’ war, der genau wusste, was an seinem Auto gemacht worden war und wieso.

Er wollte nie zu den Typen gehören, die damit prahlten was alles anders war an ihrem Auto, wie schnell es lief und wie viele PS es hatte, aber selbst keinen Finger gekrümmt hatten und alles die Garage hatten machen lassen.

Sven hatte zusammen mit seinem Onkel, der eine Autowerkstatt besass, alles selbst gemacht. Er konnte nicht mehr zählen, wie viele Stunden er investiert hatte, zu oft hatten sie bis tief in die Nacht hinein gearbeitet.

Sie hatten den Motor komplett zerlegt, die Zylinder ausgebohrt, um grössere Kolben einbauen zu können, hatten die originale Nockenwelle gegen eine ‚scharfe’ ausgewechselt und die dazugehörigen Teile darauf abgestimmt, hatten das Fahrwerk tiefer gelegt, schönere Felgen montiert, die Auspuffanlage komplett gegen eine Remus-Auspuffanlage ersetzt und hatten sonst noch viele Änderungen vorgenommen.

Deshalb hatte er meiste auch nur ein müdes Lächeln für jemanden übrig, der ihm stolz erzählte, sein Auto hätte jetzt einige PS mehr, da er es getunt hatte.

Die hatten sowieso keine Ahnung von ihrem Auto.

Sven liess den Motor aufheulen und fuhr energisch weg. Er drückte das Gaspedal runter, bis der Zeiger der Drehzahlanzeige knapp den roten Bereich erreichte, dann schaltete er in den nächst höheren Gang.

Das Auto jagte davon, am Haus vorbei, wo die Party auch ohne ihn weiterging.

Viel zu schnell fuhr er durch das Quartier aus der Stadt, sein Fahrstil war wie immer aggressiv. Bis dahin überlegte er nicht viel und konnte seine Gedanken ausschalten, doch als er auf offener Strasse war, liess er ihnen wieder freien Lauf.

War er der Einzige, der von dieser Oberflächlichkeit genug hatte oder gab es noch andere? Er fragte sich in letzter Zeit oft, ob das einzige, was zählte im Leben wirklich nur Party, Spass, Alkohol und Sex war?

Er dachte an Paul, den Aussenseiter, der hätte sich gefreut, wenn er mal auf eine Party eingeladen wäre und etwas von der Aufmerksamkeit bekommen würde, die Sven immer bekam. Aber die meisten beachteten Paul gar nicht oder machten doofe Sprüche auf seine Kosten. Auch Sven hatte schon Sprüche gemacht, aber eigentlich hatte er nichts gegen Paul. Manchmal wünschte er sich sogar, er könnte auch so unbeachtet durch die Schule gehen wie Paul.

Der Zeiger der Geschwindigkeitsanzeige wanderte unablässig höher, Sven schlug den Weg zur Autobahn ein.

Dort drückte er das Gaspedal endgültig durch. Die Scheinwerfer der vereinzelten Autos auf der Gegenfahrbahn kamen schnell näher und verschwanden genau so schnell wieder hinter ihm in der Dunkelheit. Die Gegend flog nur so vorbei, er war schnell wie der Wind.

Sein Handy piepste. Sven drosselte die Geschwindigkeit etwas, um die SMS lesen zu können: „Hey, wo willst du hin? Wieso bist du schon gegangen? Franzi ist total scharf auf dich! Die könntest du locker flachlegen heute Abend! :D Tom“

Er schmiss das Handy auf den Beifahrersitz und gab erneut Gas.

Er hatte genug von dieser falschen, oberflächlichen Welt! Er wollte niemanden einfach nur flachlegen! Nicht mehr einfach den Coolen spielen!

Wie bei den Autos, wo er wissen wollte, wie es im Innern aussah, wie etwas funktionierte, wollte er auch bei den Menschen wissen, was sie fühlten, dachten, wie es ihnen wirklich ging!

Er wollte mit einem Mädchen zusammen sein, sie lieben, lachen mit ihr, weinen mit ihr! Und sie nicht nur flachlegen, um bei den Kollegen damit prahlen zu können!

Schliesslich hatte er einen Entschluss gefasst. Bei der Ausfahrt fuhr er raus und hielt beim nächsten Tankstellenshop, der noch geöffnet hatte. Dort kaufte er Bier und schlug anschliessend den Weg zurück in die Stadt ein.

Wie schon vorher fuhr er viel zu schnell, aber es war ihm egal.

Er fuhr erst langsamer, als Pauls Haus in Sicht kam. In der Nähe parkierte er und stieg aus.

Da sie früher einmal eine Gruppenarbeit hatten zusammen machen müssen, wusste Sven genau, welches Pauls Zimmer war. Es war jetzt auch das einzige, das beleuchtet war.

Als er auf das Haus zuging, wurde er aber doch etwas unsicher. Es war mittlerweile fast halb Zwei, durfte er da überhaupt noch klingeln? Paul war zwar noch wach, wie es schien, aber da waren noch seine Eltern. Er wollte nicht das ganze Haus aufwecken.

Dann aber fiel ihm ein, dass Paul einem Lehrer erzählt hatte, dass seine Eltern im Moment auf Korsika in den Ferien waren. Demnach musste Paul sturmfrei haben.

Jetzt stand er vor der Türe und sein Finger näherte sich dem Klingelknopf, kurz bevor er ihn aber berührte, hielt er inne.

Was, wenn Paul ihn gar nicht sehen wollte? Wenn er ihm einfach die Türe wieder vor der Nase zuschlug? Oder gar nicht erst öffnete?

Dann aber warf er alle Bedenken über Bord, falls Paul so reagierte, dann hatte er, Sven, es nicht anders verdient. Schliesslich war er nicht immer nett zu Paul gewesen.

Er drückte entschlossen auf den Klingelknopf. Das Läuten liess ihn zusammenzucken, so hatte er sich an die Stille gewohnt.

Im Haus tat sich erst mal nichts.

Sven wartete einige Minuten, dann drehte er sich traurig um. Ein zweites Mal zu klingeln traute er sich nicht.

Im selben Augenblick wurde dann allerdings ruckartig die Türe geöffnet.

„Du?“

Paul war die Überraschung ins Gesicht geschrieben, aber auch Misstrauen. Oder bildete sich Sven das nur ein?

Verlegen hielt er das Bier hoch: „ Naja, ich habe gedacht, vielleicht hättest du Lust auf ein Bier oder so?!“

Paul sah nach diesen Worten nicht weniger überrascht aus als vorher. Er starrte Sven einen Moment sprachlos an.

Aber dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus, als er den Weg für Sven freimachte und ihn eintreten liess.







*Übersetzung zum Liedertext:

Nim die Schlüssel und steig ins Auto ein,

Leg gute Musik ein,

Lasse alles hinter dir,

schnell wie der Wind




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