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Unwirklich 

Wieder holte sie den kurzen Artikel, den sie zuvor aus einer Zeitung herausgerissen hatte, hervor und las ihn erneut. Sie wusste nicht mehr, das wievielte Mal es jetzt war. Immer noch stand dasselbe, doch sie las ihn Wort für Wort, Satz für Satz genau durch. So genau sie ihn las, es ergab keinen Sinn und wenn es einen ergab, konnte diese Nachricht nicht stimmen, es durfte nicht stimmen.
Sie starrte aus dem Fenster auf die Sonne, die genau an der Stelle, wo die Strasse eine Kurve machte und hinter einem Berg verschwand, unterging. 
Schliesslich faltete sie den Zettel wieder vorsichtig und verstaute ihn wieder in ihrem Geldbeutel, nur um ihn zwei Minuten später, in denen sie erneut aus dem Fenster gestarrt hatte, wieder hervorzuholen und zu lesen.
Immer noch stand dasselbe da. Und immer noch konnte es nicht stimmen! 
Da war nicht von ihm die Rede, das war jemand ganz anderes, das war ein Irrtum.

Sie sah wieder aus dem Fenster und dachte an vergangenen Abend zurück. Sie hatten zusammen Billard gespielt, in der Bar im Nachbardorf. Mal hatte er gewonnen, mal sie. Sie erinnerte sich, wie sie zusammen gelacht hatten und sich gegenseitig geneckt hatten, wenn einer die Kugel nicht richtig getroffen hatte oder eine versenkt hatte. Sie dachte daran, wie sie danach zu ihr gegangen waren und den neuen Film von Til Schweiger zusammen gesehen hatten. Sie spürte immer noch, wie er sie dabei im Arm gehalten und sanft gestreichelt hatte. Hörte seinen gleichmässigen Atem neben sich, sein Lachen bei den lustigen Szenen. Sie schmeckte den Kuss, den sie sich zum Abschied gegeben hatten, unter dem Mistelzweig, der seit Weihnachten immer noch über der Haustüre hing. Spürte seine Lippen auf ihren. Roch seinen Duft, als er sie dabei umarmte. Hatte immer noch seine Stimme im Ohr, die leise flüsterte: „Pass auf dich auf. Ich liebe dich.“ Hörte den Regen, der auf das Dach geprasselt hatte und der ihn netzte, als er zu seinem Wagen ging. Sie sah im Schein der Lampe, die die Türe beleuchtete, wie er sich umdrehte. Sie sah seine schwarzen Haare, die ihm übers linke Auge hingen und sein Lachen, mit dem er sie anstrahlte, zum letzten Mal. Wie wenn jemand auf Pause gedrückt hätte, blieb das Bild vor ihrem inneren Auge stehen.  

Sie blickte wieder auf den Artikel der Abendzeitung, den sie immer noch in der Hand hielt, und las ein weiteres Mal die paar Sätze, die darauf standen:

Junger Mann bei Unfall gestorben
 
Gestern am späten Abend kam auf der Strecke zwischen Kirchberg und Koppigen aus noch ungeklärten Gründen ein Auto auf die Gegenfahrbahn und kollidierte dabei mit einem korrekt fahrenden, entgegenkommenden Auto. Der Lenker des Unfall verursachenden Wagens wurde schwerverletzt, während der des korrekt fahrenden noch auf der Unfallstelle verstarb. Die Strasse war während mehreren Stunden gesperrt.
 

Als sie geendet hatte, starrte sie wieder aus dem Fenster. Mittlerweile war die Sonne untergegangen und es wurde langsam dunkel. Es war ein schöner Tag gewesen, nichts hatte auf das Gewitter am Vorabend hingewiesen. Sie hätten einen Spaziergang machen können oder im Cafe nebenan auf der Gartenterrasse etwas trinken können. 
Aber ihr Telefon hatte den ganzen Tag nicht geklingelt, keine SMS von ihm angekündigt. Doch noch immer hoffte sie auf ein Lebenszeichen, dass er sie anrief, sich dafür entschuldigte, dass er sich nicht gemeldet hatte und erklärte, dass er keinen Akku mehr gehabt hätte oder ganz einfach keine Zeit.
Sie hoffte, die Polizei, seine Mutter, sein Vater, seine Geschwister hätten sich getäuscht, dass alles einfach nur ein grosser Irrtum war. Oder besser, dass sie einfach aufwachte und ein neuer Tag beginnen würde, mit ihm. 
Das Papier in ihrer Hand fühlte sich immer wie schwerer an und am liebsten hätte sie es zerrissen. Doch sie konnte nicht.
Sie wollte schreien, wollte wild um sich schlagen, wollte alles zertrümmern, was ihr in den Weg kam, wollte rennen und nie mehr anhalten, doch das Einzige, was sie tat, war regungslos dasitzen und aus dem Fenster starren. 
Langsam löste sich eine Träne aus dem Augenwinkel, rollte über die Wange hinunter und tropfte auf ihre Hand. Eine zweite folgte ihr sogleich.
Sorgfältig faltete sie den Artikel wieder und versorgte ihn in ihrem Geldbeutel, diesmal würde er für längere Zeit dort bleiben. 
Danach sah sie wieder aus dem Fenster. Die Strasse war jetzt fast nicht mehr zu sehen, nur noch zu erahnen. Sie sah wieder die davon fahrenden Lichter seines Wagens, das Letzte, was sie von ihm gesehen hatte, bevor er für immer aus ihrem Leben verschwunden war.
Die Tränen rollten jetzt unablässig über die Wange und tropften auf den Schreibtisch, an dem sie sass. Verzweifelt fragte sie sich, wann sie die letzte Träne weinen würde für ihn, den sie nie mehr sehen würde und der für immer gegangen war…

Wirklichkeit

Langsam lief sie den Weg entlang, der zwischen den Gräbern hindurch führte. Es regnete leicht und die Tropfen netzten ihre Haare und die dünne Jacke. Sie störte sich allerdings nicht daran, vor einem Jahr hatte es auch geregnet. Und sie war auch etwas froh, dass nicht die Sonne schien.
Die Sonnenblume, die sie mit ihren Händen umklammerte, bewegte sich sanft zu ihren Schritten. Es war das einzige farbige an ihr, sonst war sie ganz dunkel gekleidet.
Vor einem Grab blieb sie stehen. Jemand hatte einen Strauss oranger Rosen hingelegt. Sie schüttelte leicht den Kopf, als sie es sah. Jeder hatte gewusst, dass er Rosen nicht gemocht hatte. Langsam legte sie ihre Blume nieder, die Hände zitterten.
Dann sah sie den Grabstein an. Sie starrte auf den Namen, der in schöner Schrift eingeschlagen war, darunter sein Geburtsjahr und sein Todesjahr. Das Ganze wurde umrandet von zwei Sonnenblumen. Dies war ihr Vorschlag gewesen. Sie hatte gewusst, wie gerne er die schönen, grossen, gelben Blumen gehabt hatte. Sie hatte nie Rosen von ihm erhalten, er hatte ihr immer eine Sonnenblume mitgebracht, meistens dann, wenn sie es am wenigsten erwartet hatte. Dabei hatte er sie immer umarmt und ihr gesagt, dass sie ihn auch an eine Sonnenblume erinnere, weil immer, wenn er sie sah, die Sonne aufging für ihn, egal ob es regnete oder schneite.
Die Erinnerung daran tat immer noch weh, schmerzhaft zog sich ihr Herz zusammen.
Es regnete immer noch, während sie weiterhin seinen Grabstein anschaute.
Sie hatte am Anfang viel darüber nachgedacht, wie es wäre, einfach alles aufzugeben, auf eine Brücke zu stehen, einen Schritt nach vorne zu machen und ihn danach wieder zu sehen.
Doch sie hatte gewusst, dass er das nicht gewollt hätte. So hatte sie sich langsam damit abgefunden, ihn nie mehr zu sehen, solange sie hier auf dieser Erde war.
Langsam war es ihr wieder besser gegangen und ab und zu hatte auch für sie wieder kurz die Sonne geschienen. Ihr Leben war wie früher, bevor sie ihn gekannt hatte. Sie genoss das schöne Wetter, die Zeit mit ihren Freunden und das Schöne, das sie erlebte.
Doch allzu schnell holte sie die Wirklichkeit wieder ein, wenn sie einen Song im Radio hörte, der ihm gefallen hatte, jemand seinen Namen nannte, sie ihren Geldbeutel öffnete und darin den kurzen Artikel fand, den sie ein Jahr zuvor aus der Zeitung herausgerissen hatte, oder sie sich dabei ertappte, wie sie gedankenverloren auf ihr Handy starrte, in der Hoffnung, es würde eine Kurzmitteilung oder einen Anruf von ihm ankündigen. Dieser Wunsch würde allerdings nie mehr in Erfüllung gehen, dies war die schmerzhafte Wahrheit, mit der sie leben musste.
Sie hatte sich oft gefragt, was gewesen wäre, wenn er früher gegangen wäre, an diesem Abend, was wenn er später gegangen wäre. Würden sie den Tag zusammen geniessen, ohne dass er eine spezielle Bedeutung hätte oder wäre der andere Autofahrer dann auch früher oder später gewesen? Wäre sonst eine andere Person unschuldig verunglückt und würde jetzt eine andere Person anstelle von ihr auf dem Friedhof stehen und sich des Verstorbenen erinnern? Auf diese Fragen würde sie jedoch nie eine Antwort finden, so sehr sie auch suchen mochte. Es war passiert und sie musste die Tatsache annehmen, dass es so war, wie es war.
Noch immer starrte sie den Grabstein an.
Jetzt war die Erinnerung an den letzten Abend mit ihm wieder da. Sie erinnerte sich an das Billardspiel, wie sie einander geneckt hatten, wie sie gemütlich eine DVD geschaut hatten, seinen Arm, den er um sie gelegt hatte und ihr so Geborgenheit gegeben hatte, seine Lippen auf ihren, als sie sich zum Abschied geküsst hatten.
Sie schloss, das Gesicht zu einer Grimasse verzogen, ihre Augen.
Sofort sah sie sein Bild vor sich, wie er im Regen stand, noch ein letztes Mal zu ihr umgedreht. Seine schwarzen Haare, die ihm nass übers linken Auge fielen, und sein Lachen, das nur ihr galt.
Leise hörte sie seine letzten Worte im Wind: „Pass auf dich auf! Ich liebe dich!“
Immer hatte er ihr gesagt, sie solle auf sich aufpassen, dabei hätte er besser auf sich aufgepasst. Doch sie schaffte es nicht, wütend auf ihn zu sein, sie hatte keine Kraft dafür. Die Wirklichkeit, die sie wieder einholte, und ihr zeigte, dass er nie mehr zurück kommen würde, raubte ihr alle Kraft.
Sie fühlte wieder diese Ohnmächtigkeit und Hilflosigkeit der Situation gegenüber.
Durch einen Tränenschleier schaute sie wieder den Grabstein an.
Da kämpfte sich ein schwacher Sonnenstrahl durch die schwarzen Wolken und beleuchtete sie und das Grab sanft.
Und während der Regen immer noch auf sie hinunter tropfte, huschte ein Lächeln, so schwach wie der Sonnenstrahl, über ihr Gesicht.
Wo immer er auch sein mochte, ob als Engel im Himmel, als Geist im Jenseits oder als normaler Mensch im Paradies, genau in diesem Moment dachte er auch an sie und sah ihr dabei zu, wie sie hier stand…




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